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Ayahuasca – Ein Blick hinter den Schleier des menschlichen Verstands

Ayahuasca in Peru

In meinem ersten Artikel über Ayahuasca ging es um Aufklärung der Heilpflanze, die in Südamerika zu spirituellen Ritualen angewandt wird. Nachdem sich einige für einen Erfahrungsbericht interessiert haben, werde ich heute mein persönliches Erlebnis der Ayahuasca-Zeremonie mit dir teilen. Meine Zeremonie mit Ayahuasca war wohl die bedeutsamste und spirituellste Erfahrung meines Lebens. Ich muss allerdings erwähnen, dass ich mich nur wenige Tage nach der Zeremonie, an vieles nicht mehr erinnern konnte und glaube auch, dass Visionen während einer Ayahuasca-Zeremonie mit menschlichen Verstand nicht zu begreifen sind. Meine Erlebnisse mit der Pflanze lassen sich nur schwer in Worte fassen.

Ich befand mich in Iquitos. Einer Stadt im Amazonas, die nur mit Frachtschiffen oder Flugzeug zu erreichen ist. Zusammen mit meinem Freund lebte ich bei einer Familie, die selbst überzeugt war von der Heilpflanze Ayahuasca. Wir entschlossen uns dazu, an einer Zeremonie teilzunehmen um mehr über uns selbst herauszufinden. So vereinbarte die Familie einen Termin für uns beim Schamanen ihres Vertrauens.

Vorbereitung auf Ayahuasca-Zeremonie

24 Stunden vor der Zeremonie gilt der Verzicht auf feste Nahrung und Sex. Auch geistig solltest du dich auf die Zeremonie einstellen. Vermeide Stress und beschäftige dich mit deinem Inneren und deinen Gedanken. Komme zur Ruhe.

Grundlagen des Rituals:

  • Ayahuasca wird meistens in einem geschützten Gebäude eingenommen und nur selten in freier Natur.
  • Der Schamane trägt bei der Zeremonie sein Festtagsgewand. Dieses Festtagsgewand wird bei den Indianern CUSHMA genannt.
  • Der Schamane benutzt für die Zeremonie unterschiedliche Hilfsmittel. Sein Zentralwerk ist die Schamanenpfeife oder die Mapachozigarette (Naturtabak). Das Anblasen der Teilnehmer mit Tabakrauch dient zur Reinigung und als Schutz und Transformation von Energien.
  • Fester Bestandteil jeder Zeremonie ist die Musik. Ohne das Singen und Spielen von schamanischen Instrumente ist eine Zeremonie nicht möglich.

Hellsehen durch Ayahuasca?

Als wir uns gerade auf den Weg zum Hafen machen wollten, fiel uns auf, dass unsere Kamera geklaut wurde. Die Kamera selbst war der geringere Verlust. Die 10.000 Bilder meiner gesamten Reise bedeuteten für mich ALLES. Unsere Gedanken waren nur noch mit der Kamera beschäftigt und wir überlegten kurzzeitig die Zeremonie abzusagen. Der Vater unserer Gastfamilie war sich allerdings sicher, wir könnten durch die Macht von Ayahuasca die Kamera visionieren.

 

Ich will ehrlich sein: Daran geglaubt habe ich nicht und bei dem ganzen Gerede von Hellseherei fühlte ich mich manchmal wie in einem schlechten Film. Vor meiner Zeremonie konnte ich vieles von dem die Menschen in Iquitos erzählten nicht wirklich nachvollziehen, aber ich bin aufgeschlossen für außergewöhnliche Erfahrungen und war sehr neugierig auf die ganze Sache.

Wir machten uns also auf den Weg zum Hafen, wo der Schamane schon mit einem kleinem Boot auf uns wartete. Nach ca. einer Stunde Bootsfahrt und einer 10 minütigen Wanderung durch den Dschungel saßen wir dann auf zwei großen Holzsesseln und warteten aufgeregt auf den Sonnenuntergang.

Der Schamane machte einen warmherzigen, geerdeten Eindruck. Er war kein Mann der großen Worte. Die meiste Zeit hing er gelassen auf seinem Sessel ab und grinste vor sich hin, als hätte er bereits die dreifache Dosis hinter sich. Geduldig versuchte er uns die Aufregung vor Ayahuasca zu nehmen und beantwortete unsere Fragen. Auch er war sich sicher,  durch Ayahuasca Informationen zum Kamera-Diebstahl zu ermitteln. Die Zeremonie wurde sehr privat abgehalten. Es gab nur einen anderen Teilnehmer, der sich in einer Ausbildung zum Schamanen befand.

 

Erfahrungsbericht Ayahuasca-Zeremonie

Die Reise in die visionäre Welt

Der Schamane hielt seine erste Ansprache und brachte mir noch schnell ein paar Zauberworte auf spanisch bei, die ich ihm sagen sollte, wenn ich zu weit ins Universum abtreiben würde.  Er sprach sein Gebet, weihte den Ayahuascatrank indem er an überdimensionalen Zigaretten zog und ihn mit Rauch anpustete und verteilte die Dosen an uns.

Unverzüglich kippten wir uns das Zeug in den Rachen. Es schmeckte sehr bitter, jedoch nicht so furchtbar wie wir es erwartet hatten. Der Schamane pustete die Kerzen aus  und bepustete uns mit Tabakrauch um böse Geister und Energien von uns fernzuhalten. Stille brach ein und mein Herz kloppte wie verrückt. Wir starrten aufgeregt in die Dunkelheit und warteten auf Zeichen von Ayahuasca.

Und plötzlich ging es los.

Ich fühlte mich wie in einem Theater. Als die ersten ca. 10 Minuten vergangen waren, füllte sich der Raum langsam mit schwebenden Gestalten. Gesichter konnte ich nicht erkennen. Nur dunkle Umrisse. Meine große Aufregung legte sich, denn ich hatte noch immer volle Kontrolle über meinen Körper und konnte das Geschehen aus einer gewissen Distanz wahrnehmen. Ich war froh, nicht direkt aus den Latschen zu kippen.

Der Geräuschpegel wurde lauter und ich verlor das Gefühl von Zeit. Aus den Dschungelgeräuschen wurde Geflüster und bald merkte ich, wie diese befremdliche Welt plötzlich immer realer schien. Meine Arme und Beine wurden immer schwerer. Ich hatte das Gefühl, Sekunde für Sekunde die Kontrolle über Körper und Geist zu verlieren und musste mich stark konzentrieren um noch bei Bewusstsein zu bleiben. Ich konnte mich nicht fallen lassen, ich hatte Angst vor Ayahuasca.

Der erste Gesang öffnet die Tore zur visionären Welt:

Als der Schamane anfing sein erstes Lied zu singen um die Tore zur visionären Welt zu eröffnen, war mir der Zugang zu dieser längst erschlossen und alles wurde noch heftiger. Meine Zeremonie nahm eine beängstigende Gestalt an. In Worte kann man dieses Erlebnis kaum fassen.

Ich sah wie hunderte Hände nach mir griffen und mich mitziehen wollten. Es fühlte sich an, wie ein Kampf zwischen zwei Welten. Mit aller Kraft versuchte ich bei Bewusstsein zu bleiben. Ein unglaubliches Hitzegfühl fuhr durch meinen Körper. Ich weiß nicht mehr genau wie mir geschah,  aber es fühlte sich so intensiv und abartig an. Ich hatte keine Kraft mehr und musste mich in den Stuhl fallen lassen. Alles ging blitzschnell. Mein Puls lag mir rasend in den Ohren und er schien kurz vorm Explodieren bis ich mich langsam von meinem Körper löste. Die Dschungelgeräusche und das laute Pochen meines Herzens wurde durch Flüstern und Rauschen eines Wasserfalls ersetzt. Ich hatte das Gefühl meine Seele würde aus meinem Körper treten.

Kein Paradies in Sicht

Ich kann nicht genau sagen, wo ich mich befand, aber nach endlosen Blumenwiesen und dem Paradies sah es jedenfalls nicht aus. Ich befand mich irgendwie eher im dunklen Bereich. Keine Spur von bunten Farben.

Zu dieser Zeit befand sich mein Körper regungslos , mit geöffneten Augen auf dem Stuhl kauernd. Mein Geist Irgendwo Jenseits von Gut und Böse.  Ich flog und rutschte durch Gänge. Zur realen Welt hatte ich keinen Kontakt mehr. Es waren Sekunden, die mir den Boden unter den Füßen wegzogen, denn dann folgte schon die erste Eimer-Session, welche sich als absolut abartig darstellte.

Singen des zweiten Ayahuasca-Liedes – Katharis (Reinigung)

Dieser Gesang ist therapeutisch am wichtigsten, er dient der Reinigung von Körper und Geist. Vor allem wird das Erbrechen durch messerscharfe Obertöne stimuliert. Der Schamane fing wieder an zu singen und ich fing an mich schwallartig zu übergeben.

Das Erbrechen war übrigens nicht vergleichbar mit jeglichem Erbrechen wie ich es je zuvor erlebte. Es war eher ein Gefühl, als würde sich tatsächlich etwas von mir lösen. Ein Teil von mir. Es war ein schrecklicher Prozess, gefolgt von einem kurzen Moment unglaublicher Erleichterung. Ich verwandelte mich während ich über meinem Eimer kniete in verschiedene furchterregende Tiere. Es war unglaublich beängstigend.

Ayahuasca – Schmerzliche Erfahrung

Nachdem ich mich übergeben hatte, verspürte ich für einen Moment unglaubliche Erleichterung und ein kurzes Gefühl von Klarheit. Dieser Zustand hielt allerdings nur für Sekunden an. Ich wusste nicht, dass der Pegel an Unerträglichkeit noch zu sprengen war, musste es aber kurz darauf anhand einer Schlange, die sich durch meinen Körper bewegte feststellen. Sie brach mir alle Knochen und ich war schlaff. Wieder spürte ich ein unglaubliches Hitzegefühl in meinen Körper und ich sah plötzlich aus den Augen der Schlange wie sie durch meine Speiseröhre fuhr. Ich versuchte dabei nicht mehr vor den düsteren Begegnungen zu flüchten, sondern öffnete mich allem was kam. Kurzzeitig hatte ich das Gefühl die Schlange käme aus meinem Mund. Manchmal wusste ich nicht, ob ich mir wünschen sollte zu sterben, oder ob ich schon tot sei. Ich wollte, dass es endet. Ich wollte es nicht mehr ertragen und es brachte mich an den Rande des Wahnsinns. Ich  begab mich wieder in eine Art Tunnel.

Immer wenn der Schamane anfing zu singen, wurden meine Visionen so stark, bis es kaum noch erträglich war und ich mich übergeben musste. 

Der Schamane setzte sich zu jedem Teilnehmer und sprach persönliche Gebete und bepustete uns wieder mit Tabakrauch.

An die Kamera konnte ich keine Sekunde denken. Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Der Schamane ließ mich in meiner Welt und versuchte dafür mit den anderen Schamanen und meinem Freund die Kamera herbei zu visionieren.  Ich hörte, wie er immer wieder andere Teilnehmer befragte und Gebete aussprach. Scheinbar war ich die einzige mit derartigen Kontrollverlust.

Der dritte Gesang führt die Teilnehmer zu sich selbst zurück, zurück in die »nor­male«, »gewohnte« Welt.

Ich musste irgendwann zur Toilette, ein Komposthaufen mit Vorhang. Die Frau des Schamanen ging mit mir, denn ich konnte den Abstand zum Boden nicht mehr einschätzen. Ich fühlte mich wie ein Riese und hatte unglaublich lange Finger. Der Schamane war plötzlich klein wie Zwerg.

Nachdem ich die Phasen von extremen Visionen und abartigsten Kotzprozessen endlich hinter mir hatte, weinte ich vor Erleichterung und mit einem Schlag kehrte wieder Ruhe ein. Ich sah zwar immer noch seltsame Dinge, wie z.B. Muster und Leoparden-Köpfe die mit mir sprachen aber es machte mir keine Angst mehr, denn ich konnte meinen Körper spüren und fühlte mich unglaublich gut. Ich lag in der Mitte des Kreises und starrte an die Decke und war einfach nur überwältigt. Ich fühlte mich eins mit der Natur und die Dschungelgeräusche machten mich unglaublich glücklich.

Mein Freund hatte im Gegensatz zu mir nur leichte Visionen. Er hatte vor allem mit der Übelkeit zu kämpfen. Der Schamane setzte sich zum Ende hin zu ihm und sang solange auf ihn ein, bis er sich endlich übergeben konnte.

Diebstahl aufgelöst durch Ayahuasca?

Am Ende waren sich alle im Klaren, die Kamera musste sich entweder auf einem Boot befinden oder in einem Boot geklaut worden sein. Der Schamane behauptete, dass der Dieb sich mit schwarzer Magie beschäftigt und es somit schwer sei, genaue Informationen über die Kamera herauszufinden.

Die Kamera wurde tatsächlich beim Angeln auf dem Boot geklaut und wir konnten sie sogar zurückgewinnen. Allerdings ohne Speicherkarte.

Fazit Ayahuasca-Zeremonie:

Auch wenn meine Erfahrung mit Ayahuasca anfangs sehr schmerzlich verlief, kann ich einige positive Ereignisse daraus schließen.  Die Zeremonie gewährt Einblicke hinter den Schleier des Verstands und zeigte mir eine andere Realität. Ich habe keine Angst vor dem Tod und glaube, dass die Realität in der wir leben nur eine von vielen ist. Während der Zeremonie deutete ich, die mir vertraute Realität sogar als Trugbild.

Ich habe einen besseren Draht zu mir selbst und bin davon überzeugt, dass der Mensch durch Gedankenkraft zu Großem fähig ist. Außerdem kann ich eine tiefe Verbundenheit mit der Natur spüren.

Im Nachhinein glaube ich, dass ich mir einiges erspart hätte, wenn ich gelassener in die Zeremonie gegangen wäre. Durch die große Angst und die Bemühungen anfangs meinen Verstand aufrecht zu erhalten, war die Zeremonie sehr anstrengend.

 

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